5 Jahre frei von Krebs

Ja Leute da draußen an den Empfängern, ich bin in ein paar Tagen 5 Jahre frei von Krebs. Das ist mein 5. Geburtstag n. Kr. und um Betroffenen Mut zu machen, veröffentliche ich hier mal meine Kurzgeschichte.

  • Juli 2006 – Es ist ein heißer Sommer und wir haben die Fußball-WM im eigenen Land. Blut im Urin treibt mich zunächst zum Hausarzt.
  • Der Hausarzt sieht die Menge Blut im Urin und verweist mich an den Urologen.
  • Die untersuchende Urologin sieht im Ultraschall, dass die Niere staut und stellt Entzündungswerte fest. Zuerst liegt die Vermutung eines Nierensteins im Nierenbeckenboden nahe und sie hofft, dass dieser sich alleine rausbewegt.
  • Nach 10 Tagen ist klar, nur die Entzündung ist ein wenig eingedämmt und der vermeintliche Stein ist nicht von alleine herausgekommen.
  • Es folgt die Einweisung ins Krankenhaus zwecks genaueren Untersuchungen. Dazu wird als Erstes die durch eine kurze Operation eine Schiene zum Entstauen der Niere gelegt und anschließend mit einer Sonde das Übel gesichtet.
  • Jetzt ist schon klar, dass dort etwas gewachsen ist, was da nicht hingehört. Die Ärzte nennen es Karzinom. Es ist also Krebs. Die Angst packt mich und wie bei allen Betroffenen kommen die quälenden Fragen wie: Warum? Wieso ich? Sterbe ich jetzt? Usw.
  • Es folgt der Vorschlag, die rechte Niere komplett zu entfernen. Die andere Niere ist wohl gesund und kräftig. Ich stimme zu.
  • Urothelkarzinom (Bladder_urothelial_carcinoma)
    Urothelkarzinom (Bladder_urothelial_carcinoma)

    Die Op verläuft völlig glatt und die anschließende Analyse des Gewebes bringt es an den Tag: Blasenkrebs – ein Urothelkarzinom.

  • Die Urologen beruhigen mich zunächst mal damit, dass bis jetzt keine Streuung feststellbar ist und ich wahrscheinlich mit einem blauen Auge davon gekommen bin. Dennoch es bleibt ein bitterer Beigeschmack, denn die Art des Krebses hat hohe Rezidivraten. Frei von Krebs bin ich also noch nicht. Und die Art des Karzinoms beinhaltet schnelles Wachstum.
  • Kurz nach der Nierenentfernung wird meine Schwiegermutter 2 Stockwerke höher ins gleiche Krankenhaus eingeliefert. Die Diagnose kenne ich schon fast 2 Jahre: Lungenkrebs. Sie erlebt hier das Endstadium, wird nach 3 Wochen in eine palliative Klinik verlegt und stirbt innerhalb einer Woche. Das macht zusätzlich Angst und bedrückt mich sehr.
  • Nach einem Vierteljahr die erste Blasenspiegelung und Prüfung der verbliebenen Niere. Bis jetzt frei von Krebs und die Niere tut einen guten Dienst.
  • Dezember 2006: Ich gehe wieder arbeiten.
  • Um die Angst einzudämmen, beschäftige ich mich viel mit dem Thema Krebs und besuche auch Krebsforen. Das Forum Krebskompass ist für mich ein tägliches Muss geworden. Dort helfen sich die Krebskranken mit ihren Erfahrungen gegenseitig, helfen die Diagnose und die Heilmethoden zu verstehen und einzuschätzen. Vor allem wird einem dort Mut gemacht. Für jede Krebsart gibt es eigene Threads.
  • Von der Familie, die psychisch ebenso leidet wie ich, schotte ich mich ab verschließe mich und bin aufgrund des Kontrollverlustes über mein Leben ungenießbar.
  • Anfang 2007 mache ich den Fehler, mich auch mal mit anderen Krebserkrankungen im Forum zu beschäftigen. Die Geschichte eines nicht mal zweijährigen Mädchens und seiner hilflosen Eltern erschüttert mich so sehr, dass ich weinend vor dem PC sitze. Ich beschließe, mich mal für eine Zeit lang nicht mehr so intensiv im Forum zu bewegen. Krebs darf nicht zum Hobby werden!

    Starres Endoskop - Jahrelang der Begleiter der Blasenkrebserkrankten
    Starres Endoskop – Jahrelang der Begleiter der Blasenkrebserkrankten
  • Februar 2007: Die erneute Blasenspiegelung zeigt drei Rezidive in der Blase. Scheiße!
  • März 2007: Entfernung der Rezidive durch eine Mini-OP.
  • Ich lasse mir hoch dosiertes Vitamin C per Infusion geben, um die Heilungsprozesse zu unterstützen.
  • Bei der Nachuntersuchung empfiehlt meine Urologin mir eine lokale Chemo, um zu verhindern, dass ich regelmäßig zum Entfernen ins Krankenhaus und dort narkotisiert werden muss, schließlich schwächt das auch.
  • Die Chemo mit Mitomycin wird per Instillation verabreicht. Es wird also in die Blase gefüllt und verlässt nach 2 Stunden die Blase wieder auf dem natürlichen Weg. Es erzeugt ganz ordentliche Blasenreizungen. Die ersten 6 Instillationen werden wöchentlich gemacht und erfolgen danach 3 Jahre monatlich. Alle 3 Monate wird die Blase gespiegelt und die Niere überprüft.
  • Juni 2007: Die unangenehmste Nebenwirkung der Chemo ist ein entsetzlicher Juckreiz, wenn die Urologin beim Verabreichen kleckert. Die Blasenreizungen sind auszuhalten.
  • Ende 2007: Ich bin jetzt schon 9 Monate krebsfrei. Psychisch bin ich immer noch ordentlich angekratzt und für meine Umwelt ungenießbar. Die vielen sedierenden Medikamente und die vielen Narkosen lähmen meine Hirnwindungen und ich kann für mein 2. Standbein, das Programmieren nichts tun. Ich entschließe mich zu einer Psychotherapie.
  • Anfang 2008: Im Job werde ich aufgrund meiner eingeschränkten Leistungsfähigkeit vom Chef gemobbt. Die Therapie rüttelt mich auf. Ich lasse mich krankschreiben, weil ich den Zusammenhang zwischen dem nervenden Berufsleben und meiner Erkrankung erkannt habe.
  • April 2008: Ich habe keine REHA gemacht, ein Ergebnis des Gefühls von Kontrollverlust. Jetzt gehe ich in eine Kur. Keine Rezidive, also immer noch frei von Krebs.
  • Mai 2008: Die Kur hat nicht nur körperlich gut getan. Die psychologische Betreuung war auch ausgezeichnet. In der Gruppentherapie lernt man schnell, dass man nicht alleine mit solchen Problemen ist und erkennt am anderen seine eigenen Möglichkeiten. Ich entdecke progressive Muskelentspannung für mich.
  • Juni 2008: Ich kündige meinen Job zugunsten meiner Gesundheit und versuche mich wieder an Programmierungen (selbstständig).
  • September 2008: In der Kureinrichtung gab es eine Mukkibude, ein kleines Trainingszentrum, in dem man sich mal wieder ein wenig um die körperliche Fitness bemühen konnte. Das hat mich dazu motiviert, mein inneres Gleichgewicht auch durch sportliche Aktivitäten zu fördern. Ich gehe also in die Mukkibude (Fitness-Center).
  • Meine Familie und sonstige Umwelt leidet nicht mehr so unter mir.
  • April 2009: Weiterhin frei von Krebs. Wichtige komplexe Programmierungen funktionieren wieder – mein Hirn ist zurück. Die Angst weicht immer mehr der Zuversicht.
  • Mai 2009: Habe eine 2. Kur im selben Haus angetreten und lerne noch ein bisschen mehr über mich und andere Erkrankte.
  • April 2010: Irgendwie fühle ich mich schon jetzt völlig geheilt. Die Blasenreizungen werden mit zunehmender Dauer der Chemotherapie schlimmer. Die Urologin empfiehlt mir aber, die Mitomycin-Chemo weiter zu machen. Die Statistiken zeigen da klare Vorteile.
  • Januar 2011: Weiterhin frei von Krebs stoppe ich die Chemo, weil die Blasenreizungen nach den Instillationen zu heftig geworden sind. Die Blasenspiegelungen finden weiter alle 3 Monate statt.
  • Nun bin ich 5 Jahre frei von Krebs und genieße mein Leben mit meiner Frau und mit meinen beiden Kindern.

Der Krebs hat mich verändert aber nicht getötet. Er hat mir auch gezeigt, dass ich das Leben richtig leben muss. Hoher Stress vermindert die Chance gesund zu bleiben und eine etwas ausgewogenere Ernährung unterstützt. Angst vor dem Krebs ist meinen Augen das größte Hindernis im Heilungsprozess. Danke auch an alle Schutzengel.

Text: ( 5 Jahre frei von Krebs ) Manni

Creative Commons Lizenzvertrag

Bilder: mit vom Blogstandard abweichender CC-Lizenz (Urothelkarzinom)  von KGH

völlig frei nutzbar: Endoskop von LBRH

4 Kommentare

  1. Danke für diesen ehrlichen Bericht!!!! Es ist ein schwerer Weg wieder Zuversicht zu finden. Sport, Psychotherapie, Kur sind gute Helfer. Wichtig finde ich den Tipp, dass man seine Krankheit nicht zum „Hobby“ machen sollte und nicht zu oft und lange in foren gehen sollte. Besser sind begleitete Selbsthilfegruppen, die eng mit Ärzten und Psychoonkologen zusammenarbeiten.

    • Da gebe ich Dir völlig recht. Ich bin nun wirklich das, was man im Netz als „nerdy man“ bezeichnen würde. Dennoch gibt es Dinge, die besser persönlich, von Mensch zu Mensch und Aug in Aug ausgesprochen oder bearbeitet werden müssen.

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